Wolfsbrüder

Es war ein langer und bitterkalter Winter. Obwohl schon bald der Frühling Einzug halte sollte, war die Erde noch immer mit einer Schneeschicht bedeckt. Gero stapfte durch den Schnee, um am Waldrand Feuerholz zu suchen. Mit einem Mal blieb er wie angewurzelt stehen. Nur ein paar Schritte entfernt stand vor ihm ein Wolf und sah ihn mit durchdringenden grau-blauen Augen an. Gero stand wie gelähmt und wagte kaum zu atmen. Nach allem was er über Wölfe gelernt hatte war er sich sicher – der Wolf würde ihn angreifen. Bei dieser Kälte und dem monatelangen Schnee hatte der Wolf mit Sicherheit lange nichts zu Fressen finden können. Er musste ausgehungert sein. Gero wusste, er würde keine Chance haben zu entkommen. Und trotz diesem Wissen spürte er, als sie so dastanden und sich in die Augen blickten, eine tiefe Verbindung zwischen sich und dem Wolf. Urplötzlich war seine Angst wie weggeblasen.
Und dann geschah das unfassbare: Der Wolf drehte sich um und verschwand im Wald. Gero konnte es kaum fassen. Er rannte nach Hause und erzählte seinen Eltern von seinem Erlebnis mit dem Wolf. Die Geschichte verbreitete sich im Dorf wie ein Lauffeuer. Doch die Dorfbewohner reagierten nicht so wie Gero – voller Bewunderung für den Wolf - nein, sie hatten Angst. Angst vor dem Wolf, Angst dass er – ausgehungert wie er nach dem langen Winter sein musste – ins Dorf kommen und ihre Tiere reißen könnte. Jeder Wiederspruch von Gero war vergebens. Er hatte dem Wolf in die Augen gesehen – er war sich sicher, dass er niemandem etwas tun würde. So hungrig er auch sein mag. Doch keiner glaubte ihm.
Früh am nächsten Morgen machten sich die Dorfbewohner mit Fackeln und Mistgabeln zum Waldrand auf, um den Wolf zu suchen und ihn zu töten. Gero versuchte vergeblich sie aufzuhalten. Tatsächlich stand der Wolf wieder am Waldrand und schaute der Menschenmenge mit seinen grau-blauen Augen furchtlos entgegen. Gero rief dem Wolf zu er solle verschwinden und sich in Sicherheit bringen. Doch der Wolf bewegte sich nicht vom Fleck. Die Dorfbewohner hatten bereits einen Kreis um den Wolf gebildet und rückten mit ihren Fackeln und den Mistgabeln immer näher. Keiner hörte auf Gero der immer noch verzweifelt versuchte den Wolf zu vertreiben und die Dorfbewohner zum aufhören zu bewegen. Doch ohne Erfolg. Gero sah keinen anderen Ausweg – er nahm allen seinen Mut zusammen, trat furchtlos in den Kreis und ging auf den Wolf zu. Wenn die Dorfbewohner dem Wolf etwas tun wollten mussten sie zuerst an ihm vorbei. Gero war bereit den Wolf mit seinem Leben zu schützen.
Geros Vater schrie ihm zu er solle sofort aus dem Kreis treten und sich in Sicherheit bringen. Doch Gero blieb unbeirrt vor dem Wolf stehen. Und plötzlich geschah das Unvorstellbare. Der Wolf, der König des Waldes, senkte seinen Kopf und legte sich zu Geros Füßen. Die Dorfbewohner ließen ihre Fackeln und Mistgabeln sinken. Mit einem Mal herrschte eine friedliche Stille. Es schien eine Ewigkeit vergangen zu sein bis Geros Vater die anderen Dorfbewohner dazu aufrief ins Dorf zu eilen und dem Wolf Futter zu bringen. Nach kurzer Zeit lagen auf der Lichtung am Waldrand Berge voller Futter für den Wolf und er konnte sich nach dem langen Winter endlich satt essen. Dankbar sah der Wolf Gero mit seinen grau-blauen Augen an.
Von da an kam der Wolf jedes Jahr am Ende des Winters auf die Lichtung am Waldrand. Die Dorfbewohner erwarteten ihn dort mit Bergen von Futter. Allen voran Gero – im Herzen tief verbunden mit dem Wolf.



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