Der Tag an dem die Engel auf die Erde kamen
Aktualisiert: vor 15 Stunden

Raziel erinnerte sich noch genau an den Tag, als die Engel auf die Erde kamen. Alles begann mit Samuel der schon immer, im Gegensatz zu allen anderen, ein großes Interesse an den Menschen hatte. Oft saß er am Rand seiner Lieblingsgalaxie und schaute ihnen auf der Erde bei ihrem Tun zu. Wie gern hätte er sich unter sie gemischt, mit ihnen gespielt, gelacht und geweint und mit ihnen ihre Freude geteilt und ihr Leid getragen. Doch jedes Mal, wenn er Raziel, den Ältesten unter ihnen, um Erlaubnis fragte, sagte dieser: „Die Menschen brauchen uns nicht und wir brauchen die Menschen nicht. Es ist nicht vorgehsehen, dass wir Kontakt aufnehmen. Sie leben in ihrer Wirklichkeit und wir in unserer. Lass es sein Samuel und wende dich den wichtigen Dingen zu.“
Auch die anderen Engel konnten Samuels Interesse an den Menschen nicht verstehen. Sie verbrachten ihre Zeit damit in den schönsten Tönen zu singen und im hellsten und klarsten Licht zu strahlen. „Was für eine Verschwendung.“, dachte Samuel-------. „Wir könnten den Menschen mit unserem Licht und unseren Melodien soviel Freude bringen. Stattdessen verhallt es im Universum.“ Doch Raziel blieb unerbittlich. Kontakt zu den Menschen aufzunehmen war für ihn nicht auszudenken.
So begnügte sich Samuel damit, die Menschen von seinem Lieblingsplatz aus zu beobachten. Was er beobachtete erfüllte ihn allerdings mit Sorge. Die Menschen gerieten mehr und mehr in Streit miteinander. Sie waren traurig, lachten weniger und es schien, als wurde die Welt um sie herum nach und nach dunkler. „Wie sehr brauchen diese Menschen unser Licht und unsere Melodien!“, dachte Samuel und überlegte fieberhaft, wie er trotz des Verbots von Raziel auf die Erde gelangen könnte. Raziel war der einzige unter ihnen, dem es möglich war die Engel auf die Erde zu geleiten. Ohne ihn hatte Samuel einfach keine Chance dorthin zu gelangen.
Sioba beobachtete Samuel schon eine ganze Weile. Sie spürte seine innere Zerissenheit und seinen Wunsch, den Menschen ein Helfer zu sein. Auch sie trug, wie Raziel, das unendliche Wissen des Universums in sich. Und sie wusste tief in ihrem Herzen, dass es Samuels Lebensaufgabe war, die neue Zeit zu bereiten. Eine neue Zeit, in der die Engel den Menschen zur Seite standen und ihnen halfen, ein Leben in Glück, Zufriedenheit und Fülle zu leben. Auch ihr war diese Vorstellung sehr fremd, sie vertraute jedoch auf die Weisheit des Universums und fasste den Entschluss, Samuel zu helfen.
Eines Tages, als Samuel mal wieder den Blick auf die Erde gerichtet dasaß, setzte Sioba sich neben ihn. Gemeinsam beobachteten sie eine Weile ein kleines Mädchen, dass alleine in ihrem Zimmer saß und spielte. Ihre Eltern hatten beide zu tun und keine Zeit für sie. Das Mädchen wirkte traurig. „Wie gerne würde ich mit ihr spielen und ihr Herz erhellen.“ sagte Samuel voller Sehnsucht. „Die Menschen brauchen uns! Sie mal dort – der Junge wird jeden Tag auf dem Schulhof geärgert. Und das Mädchen dort ist sehr einsam. Sie ist neu in der Stadt und hat noch keine Freunde gefunden. Dieser Mann da drüben ist krank und hat niemand der ihn besucht. Wir könnten all diesen Menschen ein Freund sein, Licht, Kraft und Liebe geben. Ich versteh einfach nicht warum Raziel es nicht erlaubt!“
„Es gibt eine Möglichkeit ohne Raziels Erlaubnis auf die Erde zu kommen Samuel“, sagte Sioba leise. Samuel konnte nicht glauben was er da hörte und sah Sioba mit großen Augen an. „Lexus, der älteste Stern des Universums, wird dir helfen. Geh zu ihm. Ich wünsche dir alles Gute. Ich vertraue auf dich Samuel.“
Samuel lief sofort los. Er hatte noch nie von einem Stern namens Lexus gehört und er wusste auch nicht wo er ihn finden konnte, aber es war als wüssten seine Beine intuitiv den Weg und er ließ sie die Führung übernehmen. Mit jedem Schritt nach vorne wurde es heller um ihn herum. Er konnte die Strahlkraft von Lexus nicht nur sehen, sondern auch fühlen. „Ich habe dich erwartet Samuel.“ begrüßte Lexus ihn. „Ich.. ich möchte auf die Erde zu den Menschen!“ flüsterte Samuel erfurchtsvoll. „Sioba sagte du kannst mir helfen.“ „Das kann ich.“ entgegnete Lexus. „Du musst nur wissen, dass du, wenn du einmal auf der Erde bist, nie mehr hierher zurückkommen kannst. So wurde es vor Millionen von Zeiten festgelegt. Bist du dazu bereit Samuel?“ Samuel überlegte keine Sekunde. „Ja, das bin ich!“ rief er aus vollem Herzen. Nachdem er diese Worte ausgesprochen hatte zerfiel Samuel zu Sternenstaub.
Im gleichen Augenblick wurde Samuel auf der Erde als Baby in eine liebevolle Familie hineingeboren. Auf einmal besaß er einen menschlichen Körper. Hatte Samuel in seiner Engelsgestalt keine Grenzen besessen, fühlte sich dieser Körper nun sehr eng an. Überhaut war das Leben auf der Erde ganz anders als das der Engel im großen, weiten Universum. Es viel ihm sehr schwer sich einzugewöhnen. Schon befielen ihn Zweifel, ob sein Entschluss richtig war und er sehnte sich zurück ins grenzenlose Universum. Aber seine Menschenfamilie stand ihm mit viel Liebe und Geduld bei. Sie spürten, dass er besonders war. Samuel erhellte das Leben seiner Menschenfamilie und auch das der Menschen, denen er begegnete. Alle spürten sein Licht und nahmen seine leisen Gesänge wahr. Samuel verbreitete Freude wohin er auch ging und wurde sehr vielen Menschen ein guter Freund und Wegbegleiter. Oft dachte er an seine Engelsfamilie, vermisste sie und wünschte sich, sie widerzusehen. Doch er hatte seine Entscheidung getroffen den Menschen Freude zu bringen und dafür sein Leben unter den Engeln im Universum aufzugeben.
Raziel beobachtete Samuel auf der Erde sehr genau. Er hatte lange vorher schon geahnt, dass Samuel eines Tages seinen größten Wunsch auch ohne ihn Wirklichkeit werden ließ. Er konnte ihm nicht böse sein, wusste er doch, dass Samuel seiner Bestimmung folgen musste. Ja länger er Samuel´s Leben auf der Erde beobachtete, desto mehr begann auch er sich für die Menschen zu interessieren. Er sah, dass sich das Engelslicht von Samuel immer mehr unter den Menschen ausbreitete, denen er begegnete. Wie ein Funke sprang es von einen auf den anderen über und verbreitete sich. Auch wenn das viele Menschen waren und immer mehr wurden, war der Großteil der Erde immer noch dunkel und die Menschen dort oft traurig und einsam. Samuel begriff endlich, wie sehr die Menschen die Engel brauchten. Und er konnte an Samuel auch sehen, wieviel Freude es machte mit dem Engelslicht und den Engelsmelodien die Menschen zu erhellen, ihnen zu helfen und ihnen beizustehen. Und so fasste Raziel einen Entschluss.
Raziel ging zu Sioba. „Sioba,“ sprach er, „es ist an der Zeit die alten Gesetze neu zu ordnen. Samuel hatte Recht – die Menschen brauchen uns. Nur du und ich gemeinsam, als Hüter des unendlichen Wissens des Universums, können die alten Gesetze erneuern und damit der neuen Zeit den Weg ebnen. Bist du bereit?“. Sioba lächelte. „Längst Raziel, ich habe nur auf dich gewartet.“
Und so geschah es, dass Sioba und Raziel die alten Gesetze der Trennung zwischen Engeln und Menschen aufhoben und stattdessen ein Band zwischen ihnen knüpften. Nach und nach fielen die Engel als Sternenstaub auf die Erde und nahmen menschliche Gestalt an. Sie lebten unter den Menschen wie ihresgleichen und doch war zu spüren, dass sie besonders waren. Sie verbreiteten ihr Licht und ihre Melodien wohin sie auch gingen. Sie waren den Menschen Freund und Helfer.
Samuel war überglücklich seine Engelsfamilie nun auch auf Erden zu haben und wieder zwischen den Welten wandeln zu könne. Die Engel verbreiteten nun gemeinsam das Engelslicht und vertrieben nach und nach die Dunkelheit auf der Welt. Gemeinsam machten sie die Erde zu einem lichtvollen, glücklichen Ort.
Und weißt du, die Engel leben noch heute unter uns. Sie teilen mit uns unsere Freude, tragen mit uns unser Leid, stehen uns zur Seite, sind unser Freund und schenken uns ihr Licht. Vielleicht ist es deine Nachbarin, die dich immer ganz besonders herzlich anlächelt. Vielleicht ist es die Mutter deines Freundes, in deren Gegenwart du dich besonders wohl und geborgen fühlst. Vielleicht ist es deine Freundin, die immer für dich da ist. Oder vielleicht… vielleicht bist du es!



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